Die Aula wirkt riesig, wenn man erst sieben Jahre alt ist. Davon einschüchtern lässt sich hier aber niemand. 200 Stühle stehen erwartungsvoll in Reih und Glied, auch die kleine Bühne ist noch leer, der große Auftritt ist noch ein paar Monate entfernt. Nur zwei immergrüne künstliche Zimmerpflanzen schmücken den ansonsten farblosen Hintergrund. Die stehen immer hier, aber montags, da stehen sie im Grüffelo-Wald.
12 Kinder des zweiten Jahrgangs der Brüder-Grimm-Schule sind bereit für ihre Theaterprobe. Musik läuft, die Stimmung ist prächtig, auch wenn schon 5 Stunden Unterricht hinter allen Beteiligten liegen. Die Kinder füllen den schmucklosen Raum innerhalb weniger Momente mit Farbe und Leben, sie tanzen aus der Reihe, warum auch nicht, und schon während der nächsten Übung verwandeln sich alle blitzschnell in knorrige alte Bäume, freche Brennnesseln, fiese Füchse oder arglose Mäuschen. Jeden Montag proben sie hier an ihrer gerade entstehenden Bühnenversion des Kinderbuchs „Der Grüffelo“ von Julia Donaldson.
Nadine Sanne und Daniel Scholz, beide als Lern- und Entwicklungs-begleiterinnen über die Burckhardt Kramer Stiftung an der Brüder-Grimm-Schule tätig und hier unter anderem verantwortlich für die Theater-AGs der Jahrgänge 2 und 3, bereiten die Kinder mit viel Freude am kreativen Durcheinander auf das große Ziel einer Aufführung für Eltern und Mitschüler Ende des 1. Halbjahrs vor. Aber sie sind bei weitem nicht die einzigen, die an dieser Schule etwas anderes darunter verstehen, wenn es andernorts über Kinder heißt „Die machen ständig Theater!“.
Denn Theater spielt ganz bewusst eine Hauptrolle im Bereich der Kulturellen Bildung an der Brüder-Grimm-Schule in Wiedenbrück. Und zumindest die personellen Bedingungen dafür sind außergewöhnlich gut. Gleich mehrere theaterpädagogisch ausgebildete, erfahrene Fachkräfte, die an ein und derselben Grundschule arbeiten und genau das möglich machen — das ist ungewöhnlich. Und ein Luxus, der dazu führt, dass mittlerweile in jedem Jahrgang eine eigene Theater-AG angeboten werden kann. Aktuell sind fast 50 Kinder auf die vier wöchentlich stattfindenden Gruppen verteilt. Alle natürlich freiwillig, manche ‘Großen’ auch schon zum zweiten oder gar dritten Mal im Laufe ihrer noch jungen Schullaufbahn. Diese Kinder werden die Schule mit einem Rucksack an wertvollen Fähigkeiten und Erfahrungen verlassen, die besonders in der Theaterarbeit intensiv gefördert wird: Empathie und Selbstbewusstsein. Teamfähigkeit und kreatives Denken. Und auch Improvisation und Durchhaltevermögen werden später keine Fremdworte mehr für sie sein. Theaterspielen ist darüber hinaus eine besondere Form der Sprachförderung.
Die ersten Erfahrungen mit Themen wie dem „kreativen Zusammenspiel“ und „Fantasietraining“ machen die Erstklässlerinnen. Britta Lück und Frank Timmermann, ein seit vielen Jahren eingespieltes Leitungsduo lassen die 12 Kinder mit ansteckender Begeisterung in die Theaterwelt an der Brüder-Grimm-Schule hineinschnuppern, erste Rollenspiele ausprobieren und sich mit den gar nicht immer so einfachen Prinzipien gruppendynamischer Spiele vertraut machen. Für diese Kinder geht es erstmal noch darum, dem „Schutzraum Theater-AG“ zu vertrauen und sich, ohne den Druck einer Aufführung zu verspüren, spielerisch auszuprobieren und überhaupt herauszufinden, ob ihnen das Theaterspielen liegt.
Im 2. Schuljahr dann dürfen die Kinder schon ihre erste Aufführungserfahrung machen. Noch in kleinem, überschaubarem Rahmen, allerdings, vor Eltern und den drei Klassen des Jahrgangs. Das braucht schon Mut sich in einer neuen Rolle zu zeigen. Jede AG erstreckt sich hier über ein Halbjahr, wöchentlich 45 Minuten, danach dürfen wieder andere Kinder ran.
Die Kinder des 3. Schuljahrs üben dann schon ein ganzes Schuljahr an ihrem Theaterstück und dürfen es im Frühjahr auch zwei Mal präsentieren: einmal vor den Eltern und dann vor allen unteren Klassen. Sie proben 90 Minuten in der Woche.
Die ‘Großen’ an der Brüder-Grimm proben ebenfalls eine Doppelstunde lang, experimentieren mit verschiedenen Methoden und Theatertechniken und entwickeln in diesem Jahr ihre Version des bekannten „Neinhorns und die Schlangweile“ von Marc-Uwe Kling. Traditionell kommen zum Abschluss des Schuljahres alle Klassen der gesamten Schule in den Genuss der Präsentation des 4er-Jahrgangs. Ein rauschender Abschluss der Schulzeit für alle, die nun auf dem Weg in den Übergang zur weiterführenden Schule sind.
Sogar auf die große Bühne schaffen es alle Theaterkinder der Klassen 3 und 4, wenn sie vor den Sommerferien an den Theatertagen im Stadttheater Gütersloh teilnehmen.
Vor den Herbstferien nahmen alle Schüler und Schülerinnen der Brüder-Grimm-Schule selbst im Publikumsraum Platz. Die Klassen 1 bis 4 fuhren ins Gütersloher Theater, um sich die Schauspielkunst Erwachsener anzuschauen und Freude an Kultur zu gewinnen.